Mineralfarben oder Dispersion
Dispersion oder Mineralfarbe. Hinter diesen beiden Begriffen verbergen sich einige Mythen. Bei einer Sanierung oder Renovierung und natürlich im Neubau stellt sich häufig die Frage, mit welchem Wandanstrich bzw. Wandaufbau gearbeitet werden soll. Beide Anstriche haben ihre Berechtigung, dennoch lohnt es sich, etwas genauer hinzuschauen. In diesem Artikel klären wir auf und geben Tipps aus unserem Fachbetrieb.
Was macht eine Farbe zum Anstrichstoff?
Das Bindemittel ist das entscheidende Kriterium. Damit die Farbe auf dem jeweiligen Untergrund haftet (Putz, Holz, Tapete, Kalk etc.) braucht es ein Bindemittel. Dieses ist der entscheidende Faktor, ob eine Farbe als Mineralfarbe oder Dispersionsfarbe kategorisiert wird. Das Bindemittel erfüllt drei zentrale Aufgaben: Es hält die Pigmente (Farbstoffe) zusammen, sorgt für die Haftung auf dem Untergrund und bestimmt Glanzgrad, Optik sowie das Trocknungsverhalten der Farbe. In der Fachsprache nennen wir die Farben, die wir auftragen deshalb Anstrichstoffe.
Wichtige Bindemittel für Farben sind:
- Organische Bindemittel (Dispersionen): Kunststoffe wie Acrylat, PVA (Polyvinylacetat) oder Silikonharze. Sie sind die Basis für Standard-Wandfarben (Dispersionsfarben)
- Mineralische Bindemittel: Vor allem Kaliwasserglas (für Silikatfarben) und Kalk. Basis für diese Bindemittel ist ein mineralischer Untergrund (z.Bsp. Putz)
- Bindemittel für Lacke und Naturfarben: Hier kommen Alkydharze (synthetisch) oder Naturharze sowie Öle (für Naturharzfarben) zum Einsatz
Was unterscheidet Mineralfarben von der klassischen Dispersion?
Der wichtigste Unterschied zwischen diesen beiden Farben liegt in der Art der Haftung am Untergrund. Also wie haftet die Farbe auf dem jeweiligen Untergrund (Putz, Tapete, Holz etc.).
Mineralfarben (z.Bsp. Silikat- oder Kalkfarben):
Sie nutzen anorganische Bindemittel und gehen eine chemische Verbindung mit dem Untergrund ein. In der Fachsprache nennen wir diese Verbindung "Verkieselung". Die Farbe liegt nicht nur obenauf, sondern verbindet sich unlösbar mit dem mineralischen Putz.
Begriffserklärung |
Bindemittel / Inhaltsstoffe |
Anwendung |
Kosten |
|
Sammelbegriff für Farben mit mineralischem Bindemittel:
|
Anorganische Bindemittel (Kaliwasserglas, Kalk, Lehm) Mineralische Füllstoffe und Pigmente Keine oder nur minimale organische Zusätze, deshalb stark alkalisch |
|
Mittel bis hoch Material teurer, Verarbeitung etwas aufwändiger, Untergrund entscheidend. |
Dispersionsfarbe (klassische Wandfarbe):
Diese sind kunststoffgebunden (z.Bsp. Acryl oder Latex). Sie haften rein mechanisch durch Verklebung auf der Oberfläche und bilden einen geschlossenen Film.
Begriffserklärung |
Bindemittel / Inhaltsstoffe |
Anwendung |
Kosten |
|
Sammelbegriff für Kunststoffgebundene Farben
|
Organische Bindemittel (Kunststoffe) |
|
Tief bis mittel. |
Silikat ist nicht gleich Silikat: Reinsilikat vs. Silikatdispersion
In der Welt der Mineralfarben gibt es verschiedene Begriffe und Zusammensetzungen der oft verwendeten Silikatfarbe. Zum Beispiel Organosilikat, Dispersionssilikat, 2-K-Silikat, Reinsilikat. Auch wenn alle das Bindemittel Kaliwasserglas gemeinsam haben, unterscheiden sie sich in ihrer Zusammensetzung und Funktion erheblich.
Die reine Silikatfarbe (2-Komponenten-System)
Die "Ur-Form" der Mineralfarbe besteht aus zwei Komponenten: dem flüssigen Kaliwasserglas und dem Farbpulver. In dieser Form spricht man von einer 100% mineralischen Farbe, ohne jegliche organische (kunststoffhaltige) Zusätze.
- Haftung: Sie verbindet sich durch eine chemische Reaktion (Verkieselung) unlösbar mit dem Untergrund. Basis ist dabei ein mineralischer Aufbau.
- Eigenschaften: Extrem langlebig, UV-beständig und höchst atmungsaktiv. Da sie stark alkalisch ist, wirkt sie natürlich desinfizierend, erfordert aber bei der Verarbeitung besondere Schutzmassnahmen.
Die Silikatdispersion oder Organosilikat (1-Komponenten-System)
Dies ist die heute am häufigsten verwendete Form im Innen- und Aussenbereich. Nach Norm DIN 18363 darf diese Farbe bis zu 5% organische Anteile (Kunststoffdispersion) enthalten. Hier gibt es deshalb je nach Hersteller grosse Unterschiede.
- Haftung: Sie haftet durch eine Kombination aus chemischer Verkieselung und physikalischer Verklebung (Adhäsion)
- Eigenschaften: Sie ist deutlich einfacher zu verarbeiten als Reinsilikat und haftet auf einer breiteren Palette von Untergründen.
Worauf man beim Kauf von Farben unbedingt achten muss
Oft steht auf Eimern werbewirksam "Silikatfarbe", obwohl es sich faktisch um eine "magere" Dispersionsfarbe handelt. Für eine echte ökologische Sanierung oder im strengen Denkmalschutz ist die 2-Komponenten Silikatfarbe (Reinsilikat) die erste Wahl. Wenn Sie jedoch eine robuste, atmungsaktive Wand für Ihr Wohnzimmer suchen, die sich leicht verarbeiten lässt, bietet die Silikatdispersion den idealen Kompromiss aus moderner Chemie und mineralischen Vorteilen.
Vorsicht beim Streichen von Silikatfarben
Silikatfarben sind stark alkalisch (pH-Wert ca. 11–12). Das bedeutet, dass sie einen hohen Basenwert haben. Diese Eigenschaft wirkt natürlich desinfizierend, verhindert Schimmel- und Pilzbefall und macht den Anstrich sehr langlebig und atmungsaktiv aufgrund der Verkieselung. Alkalisch bedeutet aber auch, dass die Farbe stark ätzend ist, deshalb müssen Haut und Augen bei der Verarbeitung geschützt werden. Ausserdem hält diese Farbe nur auf mineralischen Untergründen wie Putz, nicht aber auf alten Dispersionsanstrichen oder einer Raufasertapete (wie sie oft in älteren Mietwohnungen vorkommen). Bei Unsicherheiten lohnt es sich einen Fachbetrieb zur Hilfe zu holen.
Mythen und Fakten zu Dispersion und Mineralfarben
Mythos: Mineralfarbe ist immer besser für das Raumklima
Fakt: Mineralfarben sind extrem diffusionsoffen (atmungsaktiv), was den Feuchtigkeitsaustausch begünstigt. Zudem wirken sie durch ihren hohen pH-Wert natürlich schimmelhemmend. Dennoch kommt es auf das Gesamtsystem des Wandaufbaus an.
Mythos: Nur Dispersionsfarben sind lange haltbar.
Fakt: Das Gegenteil ist oft der Fall. Mineralfarben altern gleichmässig und "wittern ab", ohne abzuplatzen. Eine reine Silikatfarbe ist extrem UV-beständig und langlebig.
Mythos: Wo Silikat draufsteht, ist auch volle Mineral-Power drin
Fakt: Vorsicht bei "1K-Organosilikatfarben". Diese können laut Norm bis zu 5 % organische Zusätze enthalten und verhalten sich in der Verarbeitung oft eher wie eine Dispersionsfarbe.
Wann Mineralfarbe wählen?
- Bei ökologischen Sanierungen: Wer Wert auf Nachhaltigkeit, natürliche Inhaltsstoffe und Wohngesundheit legt, wählt Mineralfarben (z.Bsp. Lehm oder Silikat)
- Im Denkmalschutz: Für historische Gebäude sind mineralische Systeme oft Pflicht
- Bei feuchtigkeitsanfälligen Räumen: Um Schimmelbildung rein physikalisch vorzubeugen.
Wann Dispersionsfarben wählen?
- Starke mechanische Belastung: In Fluren, Treppenhäusern oder Kinderzimmern, wo Wände abwischbar sein müssen
- Nicht-mineralische Untergründe: Auf alten oder auch neuen Kunststoffputzen, Tapeten oder vielen Voranstrichen haftet Dispersion problemlos
- Kostenfaktor: In der Anschaffung und Verarbeitung sind Dispersionsfarben meist günstiger
Fazit: Funktion der Farbe verstehen und der Untergrund muss passen
Schäden entstehen selten durch ein schlechtes Produkt, sondern fast immer durch die falsche Materialwahl (falsche Farbe). Werden zum Beispiel zu viele Schichten Dispersion über Jahre hinweg übereinander gestrichen, können diese abblättern und eine teure Totalsanierung des Putzes nötig machen. Doch auch eine Silikatfarbe (Mineralfarbe) auf einer Tapete oder einer alten Dispersionsschutz streichen funktioniert nicht, die Farbe hält nur auf mineralischen Untergründen.
Unser Tipp für Ihr Projekt:
Lassen Sie den Untergrund von einem Fachmann prüfen. Nur wer die Funktion der Wand versteht, trifft die richtige Entscheidung zwischen der langlebigen Mineralfarbe und der praktischen Funktionsfarbe Dispersion.