FARBDIALOG November
Monatlich reden Lone Bjørn und Beat Soller über ihre Arbeit.
Dänischer Akzent trifft auf Thurgauer Dialekt.
Lone: Beat, findest du es auch spannend, wie stark Farben auf uns wirken? Sie beeinflussen Gefühle und Verhalten enorm.
Beat: Absolut, Lone! Aber gibt es so etwas wie eine allgemeingültige Farbpsychologie? Kann die Wirkung von Farben auf jeden Menschen vorhergesagt werden – zum Beispiel, wie wir Räume erleben?
Lone: Gute Frage. Ob eine Farbe als angenehm oder unangenehm empfunden wird, hängt stark vom individuellen Erleben ab. Zudem wirken Farben in verschiedenen Kulturen unterschiedlich. Weiss beispielsweise steht für einen Inuit, einen Afrikaner oder einen Schweizer jeweils für etwas ganz Verschiedenes, da unsere Farbempfindung durch kulturelle Erfahrungen und den jeweiligen Kontext geprägt ist.
Beat: Das stimmt. Die Farbwelt, in der wir aufwachsen und die wir aus Erfahrung kennen, prägt uns sehr. Und Farben- und Materialwelten entsprechen gesellschaftliche Codes – das macht es noch komplexer.
Lone: Eine Farbe kann in einer Kultur Reinheit symbolisieren, in einer anderen steht sie für Trauer. Rot zum Beispiel: In manchen Ländern Glück und festlicher Anlass, anderswo eher Warnsignal oder Gefahr.
Beat: Und das ist das Faszinierende an der Farbpsychologie – sie ist eben nicht festgelegt. Farben haben keine festen Bedeutungen, sondern ihre „Codes“ bilden sich erst über soziale Konventionen heraus. Wir müssen lernen, diese Codes zu lesen und zu verstehen.
Lone: Genau. In der Werbung und im Produktdesign erforscht man gezielt, wie bestimmte Zielgruppen auf Farben und Formen reagieren. In der Architektur gibt es solche systematischen Studien weniger, da werden Farb- und Formideen meist individuell auf das Projekt zugeschnitten.
Beat: Besonders schwierig ist in der Architektur, dass sich Farb- und Materialentscheidungen oft auf viele Nutzergruppen beziehen und langlebig sind. Trends und Generationenwechsel stellen uns bei der Farbwahl vor zusätzliche Herausforderungen.
Lone: Praktisch heisst das: Wir greifen beim Gestalten auf vertraute Farbmuster zurück, deren Wirkung wir kennen. Für ruhige Räume wählen wir sanfte Farben wie Blau, Grün oder Beigebraun.
Beat: Und in lebendigeren, aktiven Bereichen setzen wir bewusst auf starke Kontraste und energiegeladene, klare Farben – mit kräftigem Rot oder Gelb, natürlich immer am richtigen Ort und in der angemessenen Dosis.
Lone: Zum Glück gibt es kein festes Farbrezeptbuch. Wir als Gestalterinnen und Gestalter arbeiten aus unserem Fühlen und Denken heraus und schaffen immer wieder neue Räume. So entsteht Vielfalt und Echtheit, die jedes Projekt einzigartig macht. Farben sind lebendig und werden von uns individuell komponiert.
Uhh – das ist ja ein kniffliges Thema. Sendet uns gerne eure Erfahrungen und Meinungen und gebt uns auch einen Hinweis darauf, ob ihr einen Wunsch für den Farbdialog im Dezember habt.